Landgericht von Ursula Krechel – und meine Wut

Leider kommt die Rubrik Buch in diesem Blog etwas zu kurz. Ich lese zwar viel, aber ich schreibe nicht gerne über Bücher. Ich schätze, das hat man mir in der Schule ausgetrieben, als wir über unseren Lesestoff regelmäßig Interpretationen schreiben mussten. Mir ging dieses „was will uns der Autor sagen?“ ziemlich auf die Nerven. Auch bei Büchern, die mir eigentlich gefallen haben, fiel mir dazu nicht viel ein.

Also werde ich hier wohl nicht oft Bücher vorstellen, aber in diesem Fall mache ich eine Ausnahme. Das Lesen dieses Buches hat nämlich ein starkes Gefühl bei mir ausgelöst, wie ich es sonst nicht oft bei einer Lektüre habe. Und dieses Gefühl war in diesem Fall: WUT

Ein paar Sätze zum Inhalt des Romans: Der jüdische Anwalt Kornitzer verliert zu Beginn des 3. Reiches rasch seine Stelle am Berliner Gericht. Gemeinsam mit seiner arischen Frau schlägt er sich eine Weile durch. Dann wird es zu gefährlich, er emigriert nach Kuba, die Kinder werden mit einem Hilfstransport nach England verschickt. Nach dem Krieg kommt Kornitzer zurück nach Deutschland, aber das „Ankommen“ will nicht recht gelingen. Die Kinder bleiben in England, und Kornitzer bemüht sich – großteils vergebens – um Wiedergutmachung für das in der NS-Zeit erlittene Unrecht.

Diese fiktive Geschichte wird eingebettet in reale Geschehnisse, Biographien und Akten, die klarmachen, dass es hier nicht um einen Einzelfall geht. Zunächst wurde schon bei der Entnazifizierung durch die Besatzungsmächte sehr willkürlich gearbeitet – hier fällt einmal das Wort „Entnazifizierungsopfer“ und man möchte es gleich als Unwort für das entsprechende Jahr vorschlagen. Später gab es zwar Entschädigungsgesetze, aber es wurde den Betroffenen kaum möglich gemacht, diese Entschädigungen auch zu bekommen. Denn von den Betroffenen wurden Beweise und Belege verlangt, die klarerweise unmöglich aufzubringen waren. Dieser als Bürokratie getarnte Zynismus, mit dem hier die Opfer abgefertigt wurden, hat mich beim Lesen so wütend gemacht.

Eine dieser erwähnten Biographien hat mich besonders betroffen gemacht, nämlich die von Philipp Auerbach. Auf Wikipedia konnte ich nachlesen, dass die Schilderungen im Buch den Tatsachen entsprechen. Es ist zum Schreien: Philipp Auerbach überlebt NS-Verfolgung und Auschwitz und nimmt sich dann in der Bundesrepublik wegen falscher Anschuldigungen das Leben. Und ich gehe davon aus, dass auch viele der anderen Geschehnisse und Urteile von der Autorin recherchiert wurden. Z.B. der Fall einer arischen Frau, die ihren jüdischen Mann nicht verlassen wollte: Eine Entschädigung wurde abgelehnt, denn sie hätte sich ja problemlos scheiden lassen können.

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Das Buch hat seine Längen, aber ich kann die Lektüre dennoch empfehlen. Man lernt eine Menge über das Schicksal von Emigranten, über die Nachkriegszeit und die Bundesrepublik der „Wirtschaftswunderjahre“. Und es wird verständlich, dass Restitutionen und Wiedergutmachung noch heute ein Thema sind – denn in den Jahren nach dem Krieg wurden sie nicht geleistet.

2 Kommentare zu „Landgericht von Ursula Krechel – und meine Wut

  1. Leider ist das nichts neues… 😦

    „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen“ – das war die Haltung der österreichischen Bundesregierung nach 1945. Mit „Sache“ war die Entschädigung der Juden gemeint…
    Nachzulesen unter diesem Titel (es ist ein wörtliches Zitat!). Untertitel: Die Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 bis 1952 über die Entschädigung der Juden. Hg. von Robert Knight.
    Eine Schande…
    http://www.boehlau-verlag.com/978-3-205-99147-2.html

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    1. Danke für den Kommentar und den Link! Stimmt, neu ist es nicht und mir war auch klar, dass es in Österreich sicher nicht besser war.

      Aber das so klar in Akten und Urteilen zu lesen in dieser furchtbaren Behördensprache hat mich dennoch erschüttert.

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